Was ist Autismus?
Definition Autismus-Spektrum-Störung (F84):
Die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zeichnet sich durch eine facettenreiche und komplexe neurologische Variante des Gehirns mit einer besonderen Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung aus. Die dadurch bedingten anderen Arten des Wahrnehmens, Denkens und Fühlens stellen durchaus positive Aspekte im Erleben eines autistischen Menschen dar. Allerdings erfordert es gleichzeitig aber auch eine hohe Anpassungsleistung, um sich in einer nicht-autistischen Lebenswelt bzw. Gesellschaft orientieren und bewegen zu können.
In der neuesten Fassung der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-11) gibt es nur noch die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung. Da die ICD-11 in Deutschland noch nicht implementiert und als Basis für klinische/medizinische Diagnostik freigegeben ist, erfolgen die Diagnosen/Kodierungen im Gesundheitssystem weiterhin nach dem ICD-10-GM (GM = German Modification) mit der Aufteilung in das Asperger-Syndrom (F84.5), dem frühkindlichen Autismus (F84.0) und dem atypischen Autismus (F84.1). Im ICD-10-GM wird die Autismus-Spektrum-Störung durch drei Kernsymptome definiert:
Qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion
Hierunter fallen Schwierigkeiten, soziale Signale verstehen und interpretieren zu können sowie mangelnder Blickkontakt und ein eingeschränktes Verständnis für soziale Regeln und Interaktionen (z.B. Perspektivwechsel).
Qualitative Beeinträchtigung der Kommunikation
Bei diesem Kernsymptom geht es z.B. um den eingeschränkten Gebrauch von Sprache im sozialen Kontext, eine verzögerte Sprachentwicklung, Echolalie (Wiederholen von Wörtern) oder Schwierigkeiten, nonverbale Kommunikation (Mimik, Gestik) deuten zu können.
Stereotype/ repetitive Verhaltensweisen
Darunter versteht man ein Festhalten an festen Routinen, hohen Stress bei Veränderungen, eine umfassende Beschäftigung mit Spezialinteressen sowie stereotype motorische Bewegungen (z.B. Drehen, Händeflattern). Eingeschränkte und repetitive Verhaltensmuster können sich auch deutlich im Sprachgebrauch zeigen.
Autismus-Spektrum-Störung (F84)
Subtyp: Frühkindlicher Autismus (F84.0)
Frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom) tritt vor dem dritten Lebensjahr auf und ist durch erhebliche Einschränkungen in der sozialen Interaktion und Kommunikation, häufig mit einer Sprachentwicklungsverzögerung, gekennzeichnet. In manchen Fällen ist eine Verbalsprache nicht oder nur sehr eingeschränkt vorhanden. Stereotype Verhaltensweisen sind oft stark ausgeprägt. Durch eine autismusspezifische (Früh-)Förderung lassen sich sowohl die kognitive als auch die Sprachentwicklung oft positiv beeinflussen, sodass der autistische Mensch seine Bedürfnisse der Umwelt besser kommunizieren und er/sie dadurch besser unterstützt werden kann.
Subtyp: Atypischer Autismus (F84.1)
Atypischer Autismus bedeutet innerhalb des Autismus-Spektrums eine Abweichung vom frühkindlichen Autismus. Die Auffälligkeiten zeigen sich beim atypischen Autismus erst später (meist ab dem dritten Lebensjahr) und/oder nicht alle diagnostischen Kriterien des frühkindlichen Autismus werden erfüllt. Oft geht der atypische Autismus mit einer Intelligenzminderung einher.
Subtyp: Asperger-Syndrom (F84.5)
Beim Asperger-Syndrom gibt es keine Entwicklungsverzögerung, auch nicht bei der Sprachentwicklung und der Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten. Menschen mit der Diagnose Asperger-Syndrom sind meist durchschnittlich bis hoch intelligent und zeichnen sich z.B. durch Detailgenauigkeit und logisches Denkvermögen aus. In der psychomotorischen Entwicklung und der sozialen Kommunikation und Interaktion sind Auffälligkeiten erkennbar. Herausforderungen bei der Wahrnehmung und Verarbeitung von Sinnesreizen treten häufig auf.
Sensorische Besonderheiten
Neben den Besonderheiten in der sozialen Interaktion und Kommunikation und stereotypen Verhaltensweisen stellt vor allem die Verarbeitung von Umwelt- und Sinnesreizen eine große Herausforderung für autistische Menschen dar. Hierüber kann es zu einer Überladung mit Sinneseindrücken kommen, einem sogenannten Sensory Overload (= Reizüberflutung). Darüber hinaus kann eine Überladung auch zu einem Shutdown (= „Abschalten“: starker Rückzug, bei dem oft nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt kommuniziert/reagiert werden kann) oder Meltdown (= „Kernschmelze“: komplexe und unkontrollierbare Reaktion mit z.B. Schreien, Schlagen, Weinen oder Selbstverletzungen) führen.
Stimming und Masking
Stimming ist ein selbststimulierendes Verhalten, das allen Menschen dabei hilft, Emotionen zu regulieren und sensorische Reize zu verarbeiten – dies kann ein Wippen mit dem Fuß sein, das Zwirbeln der Haare oder das Klicken eines Kugelschreibers. Durch eine wesentlich höhere Stressbelastung und schnellere Überreizung zeigt sich Stimming bei autistischen Menschen häufig eher, ausdauernder und intensiver. Dies kann motorisch sichtbar werden, z.B. über Hände-Flattern, rhythmisches Wiegen oder Schaukeln, Auf- und Ablaufen, Drehen oder Hüpfen. Auch auditives Stimming durch Summen oder Flüstern, Echolalie oder Schnalzen mit der Zunge kann helfen, Spannungen abzubauen. Darüber hinaus können auch visuelle Reize hilfreich sein, z.B. Lichtreflexe (durch das Drehen reflektierender Gegenstände) oder das repetitive Anschauen von GIFs/Videos. Mentales Stimming kann das Zählen oder Buchstabieren im Kopf oder das Wiederholen von Wörtern/Sätzen ohne Lautäußerung beinhalten. Diese Form des Stimmings wird häufig von autistischen Menschen genutzt, die nicht auffallen möchten, und ihr sichtbares Stimming-Verhalten daher oft unterdrücken bzw. maskieren.
Menschen im Autismusspektrum müssen sich im Alltag permanent der nicht-autistischen Lebensweise anpassen. Dieses Masking führt zu einem enormen Anstieg des Stresslevels und kann akute Stressreaktionen, wie z.B. einen Sensory Overload (= Reizüberflutung), einen Shutdown (= „Abschalten“: starker Rückzug, bei dem oft nicht mehr oder nur noch sehr eingschränkt kommuniziert/reagiert werden kann) oder Meltdown (= „Kernschmelze“: komplexe und unkontrollierbare Reaktion mit z.B. Schreien, Schlagen, Weinen oder Selbstverletzungen), herbeiführen. Darüber hinaus können langfristig auch unterschiedlich stark ausgeprägte komorbide Störungsbilder entstehen, z.B. Depressionen, Angst- und Schlafstörungen, Zwangsstörungen usw.
Diagnostik
Wir führen keine Diagnostik durch und können auch keine Plätze bzgl. einer Diagnostik vermitteln. Ansprechpartner im Kindes- und Jugendalter sind Sozialpädiatrische Zentren oder Kliniken bzw. Psychiater*innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Für Erwachsene gibt es deutlich weniger spezialisierte Stellen, erste/r Ansprechpartner/in wäre ein/e Facharzt/Fachärztin aus dem Bereich Neurologie, Psychiatrie/Psychotherapie. Gerne sind wir Ihnen bei der Suche nach einer Diagnostikstelle behilflich.
Für die Diagnose müssen Auffälligkeiten nach der internationalen Klassifikationen psychischer Störungen (ICD-10) in den drei oben beschriebenen Bereichen/Kernsymptomen vorhanden sein:
- Qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion
- Qualitative Beeinträchtigung der Kommunikation
- Stereotype/repetitive Verhaltensweisen
Bei Fragen zum Thema Autismus und weiteren Anliegen kontaktieren Sie gerne unser Autismus Therapie- und Beratungszentrum!
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Wir beantworten Ihre Fragen
Wo kann ich die Förderung beantragen?
Die autismusspezifische Förderung ist eine Leistung der Eingliederungshilfe und kann beim zuständigen Jugend- bzw. Sozialamt beantragt werden. Sollten Sie diesbezüglich Fragen haben, rufen sie uns an oder vereinbaren sie einen Termin zur Erstberatung.
Wie lange läuft eine Förderung?
Die Förderung kann bis zu drei Jahren dauern, manchmal ist der Förderzeitraum aber auch kürzer oder länger. Dies richtet sich immer nach dem aktuellen Bedarf des/der Klient*in in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen. Auch wenn die Förderung zwischenzeitlich beendet/pausiert wird, kann sie bei erneutem Bedarf wieder bei dem örtlichen Jugend- oder Sozialhilfeträger beantragt werden.
Wie lange sind die Wartezeiten auf einen Platz?
Dies hängt von vielen Faktoren ab und kann daher nicht pauschal beantwortet werden. Faktoren sind z.B. die Bearbeitungszeit des Antrags beim Amt sowie die Findung eines freien Förderplatzes im Autismus Therapie- und Beratungszentrum mit einem passenden Zeitfenster für die Förderung. Sollten Sie während der Wartezeit Fragen haben, rufen Sie uns gern an. Grundsätzlich versuchen wir, Ihnen so schnell wie möglich einen Platz anzubieten.
Gibt es eine Altersbegrenzung für die Förderung?
Nein, eine Altersbegrenzung gibt es nicht. Sobald eine Diagnose vorhanden ist, kann eine Förderung beantragt werden.
Findet die Förderung bei einem/einer festen Mitarbeiter*in statt?
Jede/r Klient*in, welche/r bei uns in die Förderung aufgenommen wird, hat eine feste Mitarbeiter*in an ihrer/seiner Seite, welche/r die wöchentliche Förderung durchführt. Unser Ziel ist es, dies für den gesamten Förderzeitraum aufrechtzuerhalten. Jedoch kann es manchmal auch zu einem Wechsel kommen, wenn der/die zuständige Pädagog*in aus unterschiedlichen Gründen die Förderung nicht weiterführen kann. Hier versuchen wir schnelle und für den/die Klient*in möglichst stressarme Lösungen zu finden bzw. gute Übergänge zu ermöglichen.
In welchen Bereichen unterstützt das ATBZ?
Nach Bewilligung der Maßnahme durch das zuständige Jugend- oder Sozialamt werden gemeinsam erste Förderziele festgelegt, welche sich an dem individuellen Bedarf des/der Klient*in orientieren und alle Lebensbereiche des Menschen mit Autismus umfassen. Wichtig ist hierbei, dass alle am Prozess beteiligten Personen (Eltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen, Ausbilder*innen, Arbeitgeber*innen etc.) miteinander im Austausch stehen, damit Gelerntes in alle Bereiche übertragen werden kann. Kontaktieren Sie gerne unser Autismus Therapie- und Beratungszentrum in Wolfsburg für eine ausführliche Beratung.
Gibt es auch Beratung für Kitas und Schulen?
Ja, Beratungen sind für alle Einrichtungen möglich. Speziell in Kindertagesstätten und Schulen ist eine enge Vernetzung mit den Erzieher*innen bzw. Lehrkräften häufig sinnvoll und notwendig. Aber auch für Beratung am Ausbildungs- oder Arbeitsplatz sind wir die richtigen Ansprechpartner. Sollten Sie Bedarf an Beratung haben, können Sie unsere Leistungen in Form von Fortbildungen oder Fachberatungen über Ihr Fortbildungsbudget einkaufen. Rufen Sie uns gerne in unserem Autismus Therapie- und Beratungszentrum in Wolfsburg, Gifhorn, Helmstedt oder Lehre an und vereinbaren Sie einen Termin.
Ist Autismus heilbar?
Eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist keine Krankheit, sondern eine angeborene neurobiologische Variante des Gehirns. Im klinisch/medizinischen Rahmen wird eine ASS als Behinderung klassifiziert und kann rechtlich durch einen GdB als Behinderung anerkannt werden.
Gibt es hilfreiche Medikamente bei Autismus?
In manchen Fällen werden von einem/einer Psychiater*in Medikamente verschrieben, damit es Menschen mit Autismus leichter fällt, sich z.B. besser konzentrieren und somit schulische Anforderungen oder Anforderungen am Arbeitsplatz erfüllen zu können. Medikamente sind aber kein „Allheilmittel“ und nicht zwingend bzw. in jedem Fall notwendig. Sollten Sie diesbezüglich Fragen haben, setzten Sie sich mit Ihrem/Ihrer Psychiater*in zusammen und klären den möglichen Einsatz einer entsprechenden Medikation ab.
Gibt es verschiedene Formen von Autismus? Diagnostikunterschiede nach ICD-10-GM und ICD-11
Momentan sind das Asperger-Syndrom (F84.5), der frühkindliche Autismus (Kanner-Syndrom) (F84.0) und der atypische Autismus (F84.1) als Subtypen von Autismus im ICD-10-GM gelistet. Im ICD-11 wird es nur noch die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung geben. Da die ICD-11 in Deutschland noch nicht implementiert und als Basis für medizinische Diagnostik freigegeben ist, erfolgen die Diagnosen/Kodierungen im Gesundheitssystem weiterhin nach dem ICD-10-GM.
